Perspektiven
Eine versteckte Short-Short Story von Mel Stagg
Magst du deine Mutter? Oder liebst du sie? Als diese Gedanken auftauchen, höre ich dieses gurgelnde, unangebrachte Geräusch, was im Restaurant oder Café nur Kindern zugestanden wird, wenn sie die letzten Reste vom letzten Schluck aus dem Glas durch den Strohhalm hochziehen. Die drei halb geschmolzenen Eiswürfel klirren im Glas. Keiner von den anderen Tischen sieht her, oder es sind nur verstohlene Blicke, außerhalb meines Sichtfelds. Ein Spatz landet auf der Stuhlkante, wartet frech auf ein paar Krümel und legt den Kopf schief.
Ich frage mich, ob jeder Mensch das eindeutig weiß, welche Gefühle für die eigene Mutter da sind.
Das Glas ist leer. Ein Wink hinüber zum Kellner, er winkt zurück.
Eine junge Frau mit Jeansjacke und Maxikleid läuft am Gehweg entlang, Airpods in beiden Ohren. Das Kleid ist rot, so rot wie die Farben auf der Union Jack Flagge, mit großen weißen Punkten darauf.
Sie hat ihren Sohn an der Hand, er geht ihr gerade bis zu den Knien.
»Schmeckt es gut?«
Er nickt. In seiner anderen Hand hält er eine Eistüte, vermutlich Vanilleeis, was sich um seinen Mund und über die Stupsnase verteilt hat. Sie trägt eine übergroße Sonnenbrille, und ich frage mich: Wie glücklich ist sie, in ihrer Rolle als Mutter?
Ich beginne den beiden zu folgen, aber nach drei Metern werde ich gestoppt. Ein unüberwindbares Hindernis. Kurzerhand überquere ich die Straße, setze meinen Weg fort und lasse die beiden vorerst zurück.
***
Vierzig Jahre später erinnere ich mich an diese Szene, sitze wieder mit einem erfrischenden Eistee an einem Tischchen, aber natürlich nicht im gleichen Café. Gezahlt habe ich bereits, der damalige Kellner aus Fleisch und Blut verdient seine Brötchen heute woanders, denn hier hat die intelligente Bedienmaschine den Laden ganz alleine im Griff.
Sie war nicht glücklich, wie ich herausgefunden hatte. Es war lediglich die Rolle, die sie spielte, weil es keine Alternative gab. Aber das Leben hatte sie sich anders vorgestellt.
»Gereist wäre ich gern«, erzählte sie, ich hatte sie dazu aufgefordert, sich zu erinnern. Ihr Blick war dabei glasig. Ob sie traurig sei, fragte ich.
»Traurig...ja. Ich bin traurig.«
Ich legte meine Hand auf die ihre, drückte sie sanft.
»Du hast das gut gemacht. Ich habe dir zugesehen, über Jahrzehnte. Du hast alles getan, was du konntest.«
Sie sah mich an, erwartete weitere Worte.
»Dein Sohn liebt dich. Von ganzem Herzen.«
Sie nickte, ließ aber wieder den Kopf auf ihre Brust sinken.
»Wir sprechen so wenig miteinander. Es ist wie mit einem Bekannten, höflich, aber nicht herzlich. Warum ging das verloren?«
Mir war klar, dass es wieder an der Zeit war, einem Menschen auf die Sprünge zu helfen. Sie gehen durchs Leben, und dann beginnen sie, im Kreis zu gehen. Erst so groß im Durchmesser wie ein Meer, dann wie ein See, später wie ein Teich.
»Meine Liebe, hör mir zu: Du hast etwas verloren. Etwas sehr Wertvolles, sagst du. Warum machst du dich nicht auf die Suche? All deine Gedanken kreisen um das Verlorene, aber was du siehst, ist nur deine Erinnerung. Geh, und finde neue Erinnerungen. Nimm die alten Erinnerungen mit als leichtes Gepäck, sie werden dir nicht abhanden kommen.«
Sie verstand immer noch nicht, ich sah es an ihrem Gesichtsausdruck. Sie lächelte mir zu und nickte, so wie Menschen das tun, wenn sie höflich sein wollen.
»Jetzt ist nicht die Zeit für ›Ja ja´s.‹ Du musst aufbrechen, sofort. Suche die Herzlichkeit, du wirst sie finden, geradewegs vor deinen Augen.«
»Und wenn ich sie nicht finde?«
Ich widerstand dem Impuls, die Augen zu verdrehen. Jedes Mal dasselbe, diese Selbstzweifel. Dieses Misstrauen. Nun, das war mein Job, die Menschen wieder auf den rechten Pfad zu führen, kein Grund zur Klage.
»Im Verweilen finden wir keine neuen Horizonte, meine Liebe. Das muss dir klar sein. Du siehst immer auf die gleiche Stelle, so sehr es dir auch zur lieben Gewohnheit geworden ist. Aber ich kann dir aus Erfahrung ein Geheimnis verraten.«
Sie beugte sich vor. Das war gut, nun hatte ich ihr Interesse.
»Es sind nicht Abertausende von Kilometern, um eine neue Perspektive zu erreichen. Manchmal sind es nur ein paar Pixel, die du verschieben musst. Allein das kann dir eine neue Geschichte schenken.«
Jetzt lächelte sie.
Diesmal aufrichtig.
Ende
AIlondon, 18.06.2066